Totentanz von Hugo Distler und andere Chormusik zum Totensonntag

Im Chorkonzert am Freitag, 24. November 2017  um 19.00 Uhr in der Ev. Kirche in Stuttgart-Sonnenberg
oder am Samstag, 25.11.2017  um 18.00 Uhr in der Christuskirche Korntal

stand das Gedenken an den Tod im Mittelpunkt des Konzerts.
Zentrales Werk war der "Totentanz" von Hugo Distler.

Ausführende:

Waiblinger Vocalensemble
Peter Eberl, Querflöte
Katharina Eberl,
Leitung

Katharina Eberl in der evangelischen Kirche Sonnenberg mit dem Waiblinger Vocalensemble

Katharina Eberl in der evangelischen Kirche Sonnenberg mit dem Waiblinger Vocalensemble

Thomas Tallis (ca. 1505 – 1585) - Out from the deep
John Dowland (1563 – 1626)    -   Come heavy sleep
Thomas Weelkes (1576 – 1623)  -  Death hath deprived me
John Wilbye (1574 – 1638)  -    Draw On, Sweet Night

Eugène Joseph Bozza (1905 – 1991)  - Image op. 38 (für Flöte solo)

Christoph Willibald Gluck (1714 – 1787)  -  De profundis
Edward Elgar (1857 – 1934)  -  Death On The Hills

Jakob Guglhör (*1984) -  Fantasia für Flöte solo

Hugo Distler (1908 – 1942)    -   Totentanz

Zum Programm

Der Lübecker Totentanz
Vor seiner Zerstörung im zweiten Weltkrieg zeigte der „Totentanz“ in der Marienkirche zu Lübeck 24 Figuren in Lebensgröße: der Tod, eine klapperdürre Figur, in Lumpen gehüllt, tanzt voraus; ihm folgen nacheinander die Großen der Welt, dann Bürger und Bauern; in dem Gemälde wird die gesamte mittelalterliche Ständegesellschaft dargestellt.

Zwischen den Reichen und Mächtigen in prächtigen Gewändern wirken die tanzenden Todesfiguren eher zierlich, in grotesken Bewegungen schwingen sie Arme und Beine und machen beinahe einen kindli-chen Eindruck, und doch gibt der Tod den Takt vor; keiner kann sich seinem Befehl entziehen: nicht der Kaiser selbst, nicht der Bischof, nicht der Arzt und auch nicht das kleine Kindlein in der Wiege. Alle müssen ihm folgen, und so ist der Tod der absolute Gleichmacher.

Die Inschriften von 1463 unter dem Gemälde sind nur in Bruchstücken erhalten, wurden aber von Johannes Klöcking rekonstruiert und nachgedichtet. Wenn auch alle gleich sind darin, dass sie zuletzt sterben müssen, zeigen die alten Verse große Unterschiede in der Art, wie die Menschen den Ruf des Todes aufnehmen: je mächtiger sie im Leben waren, desto banger ist den Menschen am Ende, sie bereuen bitter ihren sündhaften Lebenswandel; insofern enthalten diese alten Texte eine deutliche Sozialkritik. Der Tod kann aber auch als Tröster erscheinen und wird dann bereitwillig begrüßt.
Diese alte Dichtung wird im Konzert in gesprochenen Dialogen präsentiert: der Tod fordert zum Tanz auf, und nachfolgend sind die Antworten der jeweils Angesprochenen zu hören.

Angelus Silesius: „Cherubinischer Wandersmann“
Distler hat zwischen diesen Texten kurze Epigramme von Angelus Silesius aus der Sammlung „Cherubinischer Wandersmann“ vertont. Silesius wurde als Johannes Scheffler während des dreißigjährigen Kriegs geboren, studierte Medizin, Staatsrecht und Theologie und wandte sich der Mystik zu, weshalb er sich zum Katholizismus bekehrte. Seine Dichtungen gehören zu den bedeutendsten lyrischen Werken der Barockliteratur. Ihre Frömmigkeit ist ganz auf die Gottessuche und aufs Jenseits gerichtet, so sei hier exemplarisch der vierte Spruch zitiert:

O Sünder, wann du wohl bedächtst das kurze Nun,
und dann die Ewigkeit: Du würdst nichts Böses tun!

Das Leben wird als kurze, unbedeutende Zeitspanne angesehen, für den Frommen in Erwartung der Freuden des Paradieses, aber auch in nackter Angst vor den ewigen Höllenstrafen, die den Menschen damals auf heute kaum vorstellbare Weise Furcht und Schrecken einjagten. Diese Thematik wir von Silesius unterschiedlich und kontrastreich in Verse gesetzt, wobei die Mahnung, das „memento mori“, immer präsent bleibt, aber auch der erhoffte Frieden, die ewige Seligkeit, als Hoffnung aufscheint.

Hugo Distler
Warum wandte sich Distler dieser Thematik zu? Sein kurzes Leben war trotz seiner ungewöhnlichen Begabung geprägt von vielen Erschwernissen und Kämpfen. 1908 unehelich geboren und im Alter von vier Jahren von der Mutter verlassen, konnte er nur dank seiner Großeltern das Gymnasium besuchen und Orgelunterricht nehmen und geriet nach der Inflation in bedrückende Armut. Seinen Traum, nur von seinen Kompositionen zu leben, konnte er nie verwirklichen. Ab 1931 arbeitete er als Organist, geriet aber zunehmend in Konflikte mit den Nazis. Er musste häufig die Stelle wechseln, wurde immer wieder schikaniert und schließlich an die Front geschickt; um dem zu entgehen, nahm er sich nur 38-jährig zermürbt und verbittert das Leben.

Distler hatte beim Komponieren, wie er selbst schrieb, „das mächtige Vorbild der Leonhard Lechnerschen „Sprüche von Leben und Tod“ aus dem 16.Jahrhundert vor Augen. Dem Sinngehalt des Textes fühlte er sich absolut verpflichtet, er sei „der Wortgestaltung und Bändigung mit Besessenheit nachgegangen“.

Das Gestaltungsprinzip des „Totentanzes“
Distlers Tonsprache betont und illustriert die kurzen und prägnanten Zweizeiler von Silesius. Der Kompo-nist selbst beschreibt seine Vorgehensweise folgen-dermaßen: „Als künstlerisches Gestaltprinzip ergab sich, ganz aus dem Wesen der gedrungenen Spruchdichtung heraus, größtmögliche Mannigfaltig-keit in der Erfindung unter bewusstem Verzicht auf ausgesprochene Durchführungsarbeit, daher die scharfen Kontraste, die präzise Formung des augen-blicklichen Stimmungsgehaltes, die gedrängte, aphoristische Kürze.“ Distler hat bei seiner Komposi-tionsarbeit ständig das Bild des Totentanzes als „gespenstischer Reigen“ vor sich, dessen Takt lautet: „Heiß und frisch, wohlmechtig, gsund, schön und prächtig; Morgen verdorben, tot und gestorben“.

Aus der herben und dissonanten Harmonik lösen sich immer wieder feine Melismen, am menschlichen Atem orientierte Melodien. Es gibt keinen festgelegten Takt, häufig wechselnde Zählzeiten und Tempi. Gleich im zweiten Spruch wird z.B. das anfänglich „gemessen schreitende“ Tempo jäh unterbrochen mit der polyphon und rasch auszuführenden Frage an den Menschen: „Was trotzt du dann so viel?“ Dann wieder sind Passagen von ergreifender Schlichtheit und überraschendem Wohlklang zu hören wie zum Beispiel am Ende des siebten Spruchs, wo „ewge Ruh und ewger Frieden“ besungen wird, oder im darauffolgenden achten Spruch, im beinahe volks-tümlich komponierten Bild: „Die Welt ist deine See, der Schiffmann Gottes Geist“.

Die Variationen zwischen den gesprochenen und gesungenen Versen für Flöte Solo sind Kompositionen von Jakob Guglhör (*1984).

Von der Renaissance zur Romantik
Distlers Totentanz werden im Konzert Werke aus verschiedenen Jahrhunderten zur Thematik „Tod und Sterben“ vorangestellt. Aus der Renaissance wie Distlers Vorbild Lechner, aber aus England, stammen vier Gesänge, die bei aller Trauer immer auch klangvoll, wohltuend wirken: Eine Psalmenvertonung von Thomas Tallis (1505 - 1585), „Out from the deep“, „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“; von John Dowland (1563 - 1626) „Come heavy sleep“, eine sanft fließende Meditation über den Todesschlaf; in „Death hath deprived me“ von Thomas Weelkes (1576 - 1623) wird der Tod eines guten Freundes beklagt;  schließlich „Draw on, Sweet Night“ von John Wilbye (1574 - 1638), in der der kummervolle Mensch in der Nacht einigen Trost findet.

Ganz anders, fast schon romantisch, klingt eine weitere Vertonung des 130.Psalms (De profundis, aus der Tiefe rufe ich) von Christoph Willibald Gluck (1714 - 1787). Gluck, der vor allem als Operndichter bekannt wurde, vertont diesen Text dramatisch und eindrücklich.

Schließlich ist eine Besonderheit zu hören, eine Komposition des englischen Spätromantikers Edward Elgar (1857 - 1934). Der Tod führt hier keinen Tanz an, sondern einen Leichenzug: voraus die jungen Leute, dann die Alten, die Säuglinge auf dem Sattel des Todesreiters, zieht der Zug durch die Hügel der englischen Landschaft, und als er sich dem Dorf nähert, flehen die Toten ihren Herrn an: sie wollen sich auf der Dorfstraße und am Bach vergnügen. Elgar lässt das wie ein Stimmengewirr, eine immer wiederholte Lamentation von den höheren Stimmen singen, bis der Tod diesem Flehen, von den Bässen dargestellt, sein kategorisches und mächtiges „Nein“ entgegensetzt. Die Toten dürften auf keinen Fall den Lebenden begegnen! So muss die Bitte unerfüllt verhallen.

Chorkonzert mit Chormusik zu Sturm und Gewitter

Konzert am Samstag, 25. März 2017, 19:00 Uhr im Bürgerzentrum Waiblingen- Welfensaal mit Chormusik zum Thema Sturm, Wind und Regen von Veljo Tormis, Edward Elgar, Josef Gabriel Rheinberger, Robert Schumann u.a. mit dem Waiblinger Vocalensemble Teresa Ritter-Schütz, Flöte Katharina Eberl, Orgel, Leitung

Konzert am Samstag, 25. März 2017, 19:00 Uhr im Bürgerzentrum Waiblingen- Welfensaal mit Chormusik zum Thema Sturm, Wind und Regen von Veljo Tormis, Edward Elgar, Josef Gabriel Rheinberger, Robert Schumann u.a. mit dem Waiblinger Vocalensemble Teresa Ritter-Schütz, Flöte Katharina Eberl, Orgel, Leitung

Beim letzten Konzert vom 25. März 2017, das im Waiblinger Bürgerzentrum stattfand, drehte sich fast alles ums Wetter!

Chormusik zu Sturm und Gewitter

mit Werken von Josef Gabriel Rheinberger, Veljo Tormis, Edward Elgar, Robert Schumann und anderen

Konzert: 25.03.2017 um 19.00 Uhr
Bürgerzentrum Waiblingen, Welfensaal

 

Waiblinger Vocalensemble
Teresa Ritter-Schütz, Flöte

Katharina Eberl, Leitung

Eintritt frei

 

Dieses Programm ist - leider ohne die Solo-Flöte - am Sonntag, 7. Mai 2017 um 18:00 Uhr in Göcklingen bei Landau noch einmal zu hören.

Zum Programm "Ungewitter"

„Jeder schimpft auf das Wetter, aber keiner tut etwas dagegen.“ So ein Satz kann nur von einem englischen Erzähler und Satiriker (Mark Twain) stammen. Wenn wir ein ganzes Konzertprogramm zu Sturm, Wind und Wetter machen, so dürfen englische Komponisten keinesfalls fehlen.

„The rainy day“ des englischen Romantikers Arthur Sullivan (1842-1900) besingt die Melancholie des Spätherbsts, der dem Herbst des Lebens, dem Abschied von der Jugend gleicht. Ist es tröstlich, dass es allen Menschen ähnlich geht?

Eine andere Stimmung scheint ein zunächst fröhlich wirkendes Stück des englischen Komponisten Thomas Augustine Arne (1710-1778) auszustrahlen. Das zugrundeliegende Shakespeare-Sonett wird allerdings mit gedankenschwerem Inhalt vertont: Der kalte Winterwind sei nicht so bitter wie die Undankbarkeit des Menschen, der Frost nicht so schneidend wie die Untreue mancher Freunde.

Antonio Vivaldis Flötenkonzert „La Tempesta di Mare“ ist das erste von sechs Flötenkonzerten op.10. Es sollte nicht verwechselt werden mit seinem Violinkonzert desselben Titels, welches zusammen mit seinen berühmten Vier Jahreszeiten veröffentlicht wurde. Deutlich zu hören ist auch in seinen Flötenkonzerten jener unverwechselbare Stil des Geigers Vivaldi mit seinen vielen typischen Violinfiguren.

Als ein erster Schwerpunkt des Programms sind Miniaturen aus dem Jahre 1964 des erst im Januar 2017 verstorbenen estnischen Komponisten Veljo Tormis zu hören, nach Gedichten von Viivi Luik „Sügismaastikud“ – Herbstlandschaften. Obwohl durchaus in moderner Tonsprache komponiert, hört man bei Tormis‘ Musik immer die reiche Vokaltradi-tion seines Landes, die Folklore Estlands, heraus, die den Liedern zugrunde liegt: in Estland wurde der Abschied aus der Sowjetunion, die Selbständigkeit, mit einer „singenden Revolution“ eingeleitet. Licht und Farben der nördlichen Heidelandschaften in den glühenden Herbstfarben werden in diesem Zyklus beschworen.

Im ersten Stück „Spätsommer“ erhebt sich die Melodie über liegenden, gesummten Akkorden, bis schließlich alle Stimmen zusammen den Abschied besingen: dieser Sommer kommt nicht wieder.
Der Wind, die ungenannte Kraft des zweiten Liedes, lässt sich aus Vokalisen und kanonisch aufeinander folgenden Motivbewegungen erahnen, er jagt die Wolken vor sich her. Dann wieder ein getragenes Stück, dessen fremdartige Akkorde das fahle Licht des aufgerissenen Himmels abbilden.
„Schmerzensrote Blätter“ , eine wahre Miniatur, skizziert einen Gedanken, der, kaum ausgesprochen, wieder verschwindet – dann wieder „Wind über kahler Landschaft“, ein Stück mit markanten Melodien, unisono vom ganzen Chor gesungen mit furiosen Glissandi, in geheimnisvollem Flüstern endend. Das Lied „Mond in kahler Herbstnacht“ kontrastiert herbe Akkordfolgen des Unterchores mit schnell getupften Terzen der hohen Stimmen.

Das letzte Stück „Heide“ endet mit der Explosion des Lichts, über der glühenden Heide ist der Planet auflodernd in Flammen zu sehen, bildet das Nordlicht ein Symbol der Hoffnung.

Die Sonata appassionata von Sigfrid Karg-Elert in einem Satze ist mit „Sehr lebhaft und mit starker Leidenschaft“ überschrieben. Sie gliedert sich in drei Teile. Schwungvoll und leidenschaftlich beginnend folgt ein langsamer Abschnitt vor dem virtuosen Finale. Sehr dezidiert gibt der Komponist Anweisungen zur Spielweise, wie beispielsweise: aufgeregt, behutsam, sehr innig, plötzlich leidenschaftlich anschlagend und verzweifelt – fast überstürzt.

In drei Kompositionen aus der Epoche der Romantik spiegeln sich ebenfalls menschliche Leidenschaften im Naturgeschehen: Als „Nordwind“ stürmt der wilde Knabe um das Haus der Geliebten, bei der allein er Ruhe finden könnte – doch vergebens. Gabriel Rheinbergers Musik säuselt, rauscht, klagt ebenso wild wie der enttäuschte Liebende.

Robert Schumanns Komposition der Ballade „Ungewitter“ von Adalbert von Chamisso, die dem Abend den Namen gegeben hat, sieht die Zeit der Revolutionen aus der Perspektive des alten Königs, dem seine Krone schwer geworden ist und der sich angesichts der empörten Zeiten ohnmächtig fühlt: nicht einmal der Liebreiz seiner „Buhle“ kann ihn ablenken. Im machtvoll komponierten Stück wird die Liebesromantik schnell übertönt von den stark akzentuierten Schlägen des heraufziehenden Gewitters.

Der gebürtige Italiener Ernesto Köhler war Flötist an der kaiserlichen Oper in St. Petersburg. Er hinterließ über 100 Flötenkompositionen, überwiegend Studien- und Etüdenwerke. Sie verbinden in vorbildlicher Weise fingertechnische und musikalische Schulung im romantischen Stil. Viele dieser Salonstücke tragen phantasievollen Namen.

Einen weiteren Schwerpunkt des Abends bilden drei Vertonungen von Wind-und Sturmgedichten durch Edward W. Elgar (1857-1934). Obwohl er als bedeutendster Vertreter der Spätromantik in England gilt, ist er hier wenig zu hören. Elgar bringt das Inselreich mit seinen Stimmungen und Landschaften lebendig zum Klingen.
„Weary wind oft he west“ lebt von musikalischen Gegensätzen, im Wehen des Windes werden Seufzer und Aufruhr hörbar. Auch im zweiten Stück „Love’s Tempest“ , also „Liebessturm“, setzt er äußerste Gegensätze in Töne. Zunächst erscheint in lang liegenden Akkorden die saphirgrüne See, bis sie vom Sturm gepeitscht Gischt auftürmt und die Wellen mit Brüllen an den Klippen bersten: mit Sechzehntelketten und darüber gesetzten akzentuierten Akkorden ein äußerst wirkungsvoll gestalteter musikalischer Tumult, ausgelöst vom „Bild mit flammender Glut“ der Geliebten. In der Vertonung des walisischen Dichters Henry Vaughan „The Shower“, in dem Regen, Luft und Sonne in bezauberndem Wechselspiel aufeinander folgend die Gefühle eines Liebeskranken abbilden, beendet das „Ungewitter“ mit „a sunshine after rain“.